Die Arbeitsmigration der vergangenen Jahrzehnte ist historisch betrachtet kein neues Phänomen. Vielmehr war der Faktor Arbeit spätestens seit der Aufhebung der Grundherrschaft 1848 stark mobilisiert. Die im Aufschwung begriffenen industriellen Zentren zogen Menschen aus peripheren Gebieten an, die in der Hoffnung auf bessere Verdienstmöglichkeiten zuwanderten. Bis 1918 handelte es sich dabei im Unterschied zu heute zwar primär um Binnenmigration innerhalb der Donaumonarchie, die staatsrechtliche Stellung der Betroffenen spielte in der Praxis aber wesentlich weniger Rolle als heute. Dieses Projekt untersucht am Beispiel der katholischen Kirche, wie alteingesessene Institutionen versuchten, der neuen mehrsprachigen Realität in der Arbeiterschaft Rechnung zu tragen und sowohl Sprache als auch Kultur der Neowiener:innen aufzugreifen, um diese seelsorgerisch, aber auch politisch betreuen zu können. Untersucht werden soll dabei sowohl die Perspektive der katholischen Institutionen, wie auch die Adressatengruppe, an die sich diese zu wenden versuchten. Der Untersuchungsraum ist dabei nicht die intellektuelle Metaebene, sondern die alltagsgeschichtlich relevanteste Sphäre: das Grätzel bzw. die Pfarre. Da es zu diesem Thema bislang so gut wie keine Forschungsarbeiten gibt, versteht sich die gegenständliche Untersuchung als Pilotstudie. Ihr Ziel ist nicht nur eine erste oberflächliche Vermessung der historischen Gegebenheiten im Untersuchungszeitraum, sondern auch die Identifikation jener Spuren, die in Archiven und historischen Sammlungen in Wien auffindbar sind. Während es also einerseits darum geht, erstmals Akteur:innen, Aktionsräume und Themen auszuleuchten, soll andererseits ein Korpus an Quellen zusammen getragen werden, der zu einem späteren Zeitpunkt im Rahmen eines breiter angelegten, mehrjährigen Forschungsprojektes sowie für Abschlussarbeiten an den Universitäten zur Verfügung steht.