Das Buchprojekt beleuchtet die Entwicklung von Kaufhäusern im sozialistischen Jugoslawien zwischen 1945 und 1990. Statt die Kaufhäuser nur als Konsumorte zu betrachten, zeigt das Buch, wie sie als städtische Institutionen und Zentren wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Aktivitäten fungierten. Es eröffnet Einblicke in die Arbeit ihrer Expert:innen und Fachleute, die Entstehung ihrer materiellen Umgebungen und die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zielsetzungen des Systems, in dem sie entstanden.
Im Fokus des Buches stehen die nationalen und transnationalen Aktivitäten jugoslawischer Expert:innen und Fachleute in vier Bereichen: Einzelhandel, Architektur und Stadtplanung, Haushaltswissenschaft sowie Stadtverwaltung. Die Fallstudien konzentrieren sich auf die größten jugoslawischen Kaufhausketten – Na-Ma aus Zagreb und RK Beograd aus Belgrad – sowie auf regionale Einzelhandelsunternehmen in Slowenien, Kroatien, Serbien und Bosnien und Herzegowina.
Im Gegensatz zu den Bildern von Mangelwirtschaft und Warteschlangen, die sowohl wissenschaftliche Darstellungen als auch die populäre Vorstellung vom sozialistischen Einzelhandel geprägt haben, zeigt das Buch die zentrale Bedeutung des Einzelhandels für die sozioökonomische und städtische Modernisierung im sozialistischen Jugoslawien. Das Buch argumentiert, dass jugoslawischer Expert:innen und Fachleute einen ganzheitlichen Ansatz zur Modernisierung des Einzelhandels gefördert haben. Dieser ganzheitlichen Ansatz war einen Prozess, der industrielle Produktion, technologische Innovation, architektonische Gestaltung, Arbeitsorganisation, soziale Interaktion und breite gesellschaftliche Beteiligung miteinander verband und damit zahlreiche sozioökonomische und kulturelle Dimensionen des städtischen Lebens beeinflusste.
Der ganzheitliche Charakter der Modernisierung des Einzelhandels erforderte zudem eine enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Gruppen von Expert:innen und Fachleuten sowohl innerhalb als auch außerhalb Jugoslawiens. Zugleich zeigt das Buch, dass die Modernisierung des jugoslawischen Einzelhandels kein homogener Prozess war, sondern vielmehr aus einer heterogenen und hybriden Wissensproduktion hervorging, die über die politischen und ideologischen Grenzen des Kalten Krieges hinweg stattfand. Die anschließende Institutionalisierung der Kaufhäuser in Jugoslawien beschränkte sich daher nicht allein auf ihre räumliche Ausbreitung in den Städten, sondern umfasste ebenso ihre Verankerung in sozialen Strukturen, im Alltagsleben und in kulturellen Repräsentationen. Die wachsende Zahl von Kaufhäusern machte sie zu allgegenwärtigen Bestandteilen der städtischen Lebenswelt Jugoslawiens. Ihre Planung und Errichtung waren jedoch keineswegs alltägliche oder neutrale Prozesse. Vielmehr handelte es sich um bewusste und gezielte Initiativen verschiedener Akteur:innen und Interessengruppen, die darauf abzielten, Wirtschaft, Gesellschaft und den selbstverwalteten Sozialismus in Jugoslawien weiterzuentwickeln.
Das Buchprojekt ist im Rahmen des Post-DocTrack-Programms der ÖAW gefördert.