Unsere Kollegin Nora Lehner erhält für ihre Dissertation „Sexuelle Arbeit. Akteur:innen, Praktiken und Reglementierung von kommerziellem Sex in Wien (1945–1975)“ den diesjährigen Staatspreis für Geschichtswissenschaften in der Kategorie Nachwuchs, der alle zwei Jahre vom Wissenschaftsministerium vergeben wird.
In ihrer preisgekrönten Arbeit untersucht Lehner Prostitution von Frauen in Wien von 1945 bis in die 1970er-Jahre als Spiegel gesellschaftlicher Normalisierungs- und Transformationsprozesse. Auf Basis bislang kaum erschlossener Polizei-, Gerichts- und Archivquellen analysiert sie die staatliche Regulierung ebenso wie die Behördenpraxis und nicht zuletzt die Erfahrungen der betreffenden Frauen. Einer akteurszentrierten Perspektive folgend nimmt Lehner zudem Kunden und jene Männer in den Blick, die von der Polizei für Zuhälter gehalten wurden. So arbeitet die Studie das komplexe Zusammenspiel individueller Handlungsspielräume, gesellschaftlicher Normen und staatlicher Reglementierung und beleuchtet so nicht nur die Geschichte marginalisierter Gruppen, sondern auch Kontinuitäten und Brüche der österreichischen Sexual-, Sozial- und Geschlechtergeschichte.
Die Jury begründete die Auszeichnung unter anderem damit, dass sich die Arbeit besonders dadurch auszeichne, „dass sie sexuelle Arbeit nicht isoliert betrachtet, sondern als gesellschaftliches Phänomen, um zentrale Transformationsprozesse der österreichischen Nachkriegsgesellschaft der Zweiten Republik sichtbar zu machen.“ Lehner stehe „beispielhaft für eine neue Generation von Historiker:innen, die innovative Fragestellungen, methodische Vielfalt und gesellschaftliche Relevanz in überzeugender Weise verbindet“ und setze „neue Maßstäbe für eine gesellschaftlich sensible Geschichtswissenschaft.“
Wir gratulieren sehr herzlich!