Brigitte Pellar trägt kurze graue Haare und ein dunkel blaues Kleid. Sie steht in der AK Bibliothek und lächelt in die Kamera. © ÖGB / Roland de Roo

Brigitte Pellar (1947 – 2026)

Nachruf

Brigitte Pellar war eine der bedeutendsten Historiker:innen der österreichischen Gewerkschafts- und Arbeiter:innenbewegung. Von ihrer Dissertation bis hin zu ihrer jüngsten Publikation über den Gewerkschafter und Erwachsenenbildner Richard Robert Wagner war sie eine herausragende Publizistin, eine hervorragende Wissenschafterin, engagierte Pädagogin und unermüdliche Aufklärerin, die ihr Wissen durch Vorträge, Ausstellungen, Blogposts und Artikel zu vermitteln verstand. Als Mitbegründerin, Mitarbeiterin und langjährige Leiterin des Instituts für die Geschichte der Gewerkschaften und der Arbeiterkammern an der Arbeiterkammer Wien hat sie ihren Fleiß und ihr Können in den Dienst der Organisationen der arbeitenden Menschen in Österreich gestellt. Für Brigitte Pellar hat die Erforschung der  Geschichte der Arbeiterbewegung auch stets bedeutet, sie im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Kämpfen dieser Bewegung zu sehen. Sie war Zeit ihres Lebens aktive Gewerkschafterin und nahm als überzeugte Sozialdemokratin und Mitglied des Bundes sozialdemokratischer Freiheitskämpferinnen regen Anteil am politischen Leben.

Die Tochter des evangelischen Pfarrers und Superintendenten Paul Pellar verband schon früh religiöses mit sozialem und politischem Engagement. Sie betätigte sich schon während ihres Studiums in der evangelischen Studierendengemeinde, ihr Interesse beschränkte sich dabei aber weder auf den Boden der Hochschule noch auf die engen Grenzen Österreichs. Solidarität mit Unterdrückten weltweit war ihr Zeit ihres Lebens ein wichtiges Anliegen. Ihre langjährige Tätigkeit in der Solidaritätsbewegung mit Nicaragua war Ausdruck ihrer Überzeugung, dass Unrecht, egal wo auf der Welt, nicht hingenommen werden kann. Und dass sich die Kritik daran nicht auf die bloße Benennung des Unrechts beschränken dürfe, sondern dass etwas dagegen getan werden müsse. Brigitte Pellar gehörte zu jenen Menschen, die ihre Überzeugungen gelebt haben. Und sie ist für sie auch dann eingetreten, wenn sie dabei anderen auf die Zehen treten musste. Sie war eine mutige Frau, die unerschrocken ihre Meinung vertrat, dabei aber nicht blind war für die Argumente anderer. 

Brigittes angewandte Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit kam auch all jenen zugute, die mit ihr als Kollegin zusammenarbeiten durften. Bis kurz vor ihrem Tod war Brigitte Pellar aktiv und hat Vorträge gehalten, hat geforscht und an Publikationen gearbeitet. Uns als Institut hat sie mit großer Sympathie und Wertschätzung begleitet, stand uns immer mit Rat und Tat zur Seite, hielt aber auch nicht hinterm Berg, wenn sie mit etwas unzufrieden war. Sie war nicht nur selbst kritikfähig, sondern setzte diese Eigenschaft auch sehr selbstverständlich bei anderen voraus. Auch dadurch haben wir viel von ihr gelernt.

Wir verlieren mit Brigitte Pellar nicht nur eine neugierige, umfassend interessierte und engagierte Wissenschaftlerin, sondern vor allem auch eine liebenswerte, allen Menschen zugewandte Freundin. Ihr offenes Ohr, ihr Verständnis, ihre Ermutigung und manchmal auch ihr kritisches Nachfragen wird uns allen sehr fehlen. 

© ÖGB / Roland de Roo
Brigitte Pellar bei einem Event der Gewerkschaftsfrauen im November 2025.

Lebenslauf

Geboren am 22.9. 1947 in Hermagor/Kärnten
Eltern: Paul Pellar (evangelischen Pfarrer, evangelisch-lutherischer Superintendent Kärnten und Osttirol), Wilma Pellar, geb. Hanner (Kindergärtnerin)

Ausbildung:
Volksschule und Realgymnasium in Villach, Matura 1966
Studium der Geschichte an der Universität Wien, mit der Schwerpunktsetzung österreichische Zeitgeschichte, Sozialgeschichte und Geschichtsphilosophie.
Dissertationsthema: „Staatliche Institutionen und gesellschaftliche Interessengruppen in der Auseinandersetzung um den Stellenwert der Sozialpolitik und um ihre Gestaltung. – Das k.k. arbeitsstatistische Amt im Handelsministerium und sein ständiger Arbeitsbeirat 1898-1917“; Promotion 1984.

Berufslaufbahn:

1971 – 1981:
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für empirische Sozialforschung (IFES). U. a. Mitwirkung an folgenden Projekten:

  • Studie des Instituts für Gesellschaftspolitik über die Auswirkung von technischen und organisatorischen Innovationen auf die betroffenen Arbeitnehmer:innen.
  • Pendler-Studie Burgenland.
  • Qualitative Teile der Studien über Gastarbeiter in Österreich
  • Brain-Drain – Abwanderung österreichischer Akademiker ins Ausland.
  • Armut in Wien.
  • Ausbildungswirkung (Effekte der Schulausbildung im Hinblick auf die Entwicklung der 14- bis 17jährigen).
  • Grundlagendaten für die Erstellung von berufskundlichen Unterlagen
  • Publikumsreaktionen auf die Gastspiele des Burgtheaters in den Bundesländern (im Rahmen der AK-Aktion).
  • Die Lage der Salzburger Arbeitnehmer
  • Erarbeitung von Grundlagen für Regionalentwicklungskonzepte
  • ISP-Projekt (Verteilungseffekte staatlicher Politik im Bildungswesen)
  • Jährliche Arbeitsmarktvorschau.
  • Berufsausbildung in 30 Wiener Großbetrieben.


1981 – 1989:
Anstellung im Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes ÖGB-Verlag)

  • Methodisch-didaktische Betreuung der vom Österreichischen Arbeiterkammertag und dem ÖGB-Bildungsreferat herausgegebenen Briefschulskripten, u. a. zu folgenden Themen:
    „Staat und Verfassung“, „Wirtschafts- und Gesellschaftsrecht“, „Gewerkschaftskunde“ mit Organisationsstruktur und Geschichte des ÖGB, „Internationale Gewerkschaftsbewegung“, „Konsumentenschutz“, „Praktische Gewerkschaftsarbeit“
  • Interne redaktionelle Betreuung und Einrichtung der Beilage zu Arbeit & Wirtschaft“ mit dem Titel „AW Spezial“.
  • Mitarbeit im zentralen Lektorat des Verlages des ÖGB, zusätzlich Übernahme von Lektoratsaufgaben und spezielle Arbeiten für die Buchverlage des Konzerns, vor allem für den Europaverlag).


1989 – 2000:
Mitarbeiterin in der Bereichsleitung Bildung und Kultur der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien

2000 – 2001: 
Wissenschaftliche Mitarbeit im Institut zur Erforschung der Geschichte der Gewerkschaften und der Arbeiterkammern (Geschichtsinstitut in der AK Wien, ab 2020 „Institut für historische Sozialforschung“).

2001 – 2007:
Leitung des Geschichtsinstituts in der AK Wien

2006 – 2011:
Lehrauftrag am Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien.

Journalistische Tätigkeit 

1968 – 1974:
Redaktionsmitglied der vom Evangelischen Jugendwerk herausgegebenen Zeitschrift „anstoss“ (Rennerpreis 1972). Inhaltliche Schwerpunkte: Vorurteile, Strafrechtsreform, Jugendkriminalität, US-Innenpolitik.

1993 – 2024:
Mitglied des Redaktionskomitees (später Themenkomitees) der von Bundesarbeitskammer und Österreichischem Gewerkschaftsbund herausgegebenen Zeitschrift „Arbeit und Wirtschaft“.

Gesellschaftliche und politische Aktivitäten:

1967 – 1973:
Mitarbeit in der Österreichischen Hochschülerschaft

1968 – 1974:
Vertretung des Evangelischen Jugendwerks im Österreichischen Bundesjugendring. In dieser Funktion u. a. Mitglied der österreichischen Delegation bei der Weltjugendkonferenz der Vereinten Nationen 1970 und der Bundesheerreformkommission.

Seit 1979:
Mitglied der SPÖ. Im Rahmen der Solidaritätsaktion für Nicaragua Organisation der Unterstützungspartnerschaft mit einer Frauenklinik in Managua. 

Seit 1979:
Mitglied des Bundes Sozialistischer (dann Sozialdemokratischer) Freiheitskämpferinnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen. Zunächst Mitglied des Vorstands für den Bezirk Wien-Alsergrund, ab 2008 Mitglied des Wiener Vorstands und des Bundesvorstands.

Seit 2025:
Vorstandsmitglied der Senior:innen-Organisation des Bundes sozialdemokratischer Akademiker (BSA).

Publikationen


Monografien/Herausgeberschaften:
  • Brigitte Pellar/Karin Jahn (Hg.) (1987): 1938. Der Europaverlag und ein schwieriges Gedenkjahr, Wien.
  • Brigitte Pellar (1988) (Hg.): Albertinaplatz, Wien.
  • Pellar, Brigitte (Hg.) (1991): Krank durch Arbeit? Gesundheit und Umwelt am Arbeitsplatz; Informationen zur Ausstellung; Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Wien.
  • Fritz Klenner/Brigitte Pellar (1999); Die österreichische Gewerkschaftsbewegung. Von den Anfängen bis 1999, Wien.
  • Walter Göhring/Brigitte Pellar (2001): Anpassung und Widerstand. Arbeiterkammern und Gewerkschaften im österreichischen Ständestaat, Wien.
  • Pellar, Brigitte (Hg.) (2001): Stationen der österreichischen Gewerkschaftsbewegung vom Revolutionsjahr 1848 bis in das Elektronikzeitalter: Geschichten zur Geschichte - Hintergründe - Zusammenhänge; Ausstellung ÖGB / AK; Kammer für Arbeiter u. Angestellte für Wien, Wien.
  • Karl Klein/Brigitte Pellar/Walter Raming (Hg.) (2006): Menschenwürde - Menschenrecht – Sozialreform. 100 Jahre christliche Gewerkschafter in Österreich, Wien.
  • Robert Tabakow/Brigitte Pellar (Hg.) (2006): Globalisierung einmal anders: der internationale Zusammenschluss der Gewerkschaftsbewegung und seine Geschichte, Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Wien.
  • Brigitte Pellar (2009): Eine andere Geschichte Österreichs: Gewerkschaft, soziale Verantwortung und menschliche Politik, Wien.
  • Werner Kaizar/Brigitte Pellar (Hg.) (2009): Aufbruch in die Demokratie: die Zweite Republik und die Jugend, Kammer für Arbeiter u. Angestellte für Wien, Wien.
  • Brigitte Pellar (2013): …mit sozialpolitischen Erwägungen. Staatliche Arbeitsstatistik und Gewerkschaftsmitsprache im Handelsministerium der Habsburgermonarchie (=Berichte und Forschungen zur Gewerkschaftsgeschichte 2), Wien.
  • Peter Autengruber/Manfred Mugrauer/Brigitte Pellar (²2017): Oktoberstreik: die Realität hinter den Legenden über die Streikbewegung im Herbst 1950, Wien.
  • Brigitte Pellar (2015): Gewerkschaft macht Geschichte. Spots auf 200 Jahre Interessenvertretung von ArbeitnehmerInnen, Wien.
  • Johann Dvořák /Sabine Lichtenberger/Brigitte Pellar (Hg.) (2025): Richard Robert Wagner. Gewerkschaft, Bildung und die politische Kultur der Moderne in Wien, Wien (=Schriftenreihe des Instituts für Historische Sozialforschung (IHSF) Band 1.


Beiträge in Sammelbänden
  • Brigitte Pellar (1986): Arbeitststatistik, Soziale Verwaltung und Sozialpolitik in den letzten zwei Jahrzehnten der Habsburgermonarchie. Das arbeitsstatistische Amt im k. k. Handelsministerium und sein ständiger Arbeitsbeirat. In: Gerald Stourzh/Margarete Grandner (Hg.): Historische Wurzeln der Sozialpartnerschaft, Wien, 153-190.
  • Brigitte Pellar (2003): Anton Benya und die Arbeiterkammer. In: Annemarie Kramser (Hg.) Anton Benya - "der Vertrauensmann", Wien, 84-96.
  • Brigitte Pellar (2003): Der Aufstand ist zu Ende, die Revolution beginnt erst. Blitzlichter zur nicht einfachen Geschichte der Frauen mit und in der Gewerkschaftsbewegung. In: "Man ist ja schon zufrieden, wenn man arbeiten kann“ ;hrsg. vom Institut für Gewerkschafts- und AK-Geschichte. [Lektorat u. red. Betreuung: Agnes Broessler], Wien, 141-154.
  • Brigitte Pellar (2013): Kampf um „die Arbeiterschaft“. Forschungsstand und offene Forschungsfelder zu Politik und Ideologie von Regierungslager und illegaler Opposition 1933–1938. In: Lucile Dreidemy/Florian Wenninger (Hg.): Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938, Wien, 257-294.
  • Brigitte Pellar (2013): Demokratie braucht Bildung. Der Beitrag von Volkshochschulen, Arbeiterbewegung und Gewerkschaften zum Demokratisierungsprozess in Österreich. In: Christian H. Stifter/Wilhelm Filla (Hg.): Plädoyer für eine gesellschaftspolitische Erwachsenenbildung. Innsbruck/Wien, 70-89.
  • Brigitte Pellar (2017): Organisatoren, Kommunikatoren, Kämpfer. Juden als Funktionsträger der Freien Gewerkschaften – eine erste Skizze. In: Claudia Kuretsidis-Haider/Christine Schindler im Auftrag des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes und der Zentralen Österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (Hg.): Zeithistoriker, Archivar, Aufklärer. Festschrift für Winfried R. Garscha; Wien, 39-52.
  • Brigitte Pellar (2021): Sozialpolitik im Vorfeld des Großen Krieges. In: Johann Dvořák (Hg.): Wege in den Großen Krieg, Wien.
  • Brigitte Pellar (2023): Frühe Versuche der Geschichtsschreibung über die Gewerkschaften als Elemente von Theorien der Gewerkschaft und als Beiträge zur Bewusstseinsbildung der Arbeiterinnen und Arbeiter (und später der Angestellten). In: Johann Dvořák /Barbara Litsauer (Hg.) (2023): Zur Geschichte und Theorie der Gewerkschaften in der späten Habsburgermonarchie, Wien, 41-120.
  • Brigitte Pellar (2023): Ferdinand Lassalle, Karl Marx und die Bedeutung anarchistischen Denkens und Handelns in der Gewerkschaftsbewegung der Reichsratsländer. In: In: Johann Dvorak/Barbara Litsauer (Hg.) (2023): Zur Geschichte und Theorie der Gewerkschaften in der späten Habsburgermonarchie, Wien, 139-278.